Seit über einem Jahrzehnt ist Jace eine feste Größe im Hamburger Rap-Kosmos. Seine ersten musikalischen Schritte unternimmt er gemeinsam mit zwei Freunden aus seinem Heimatviertel Groß Borstel unter dem Namen SDT – Spitter der Tafelrunde. Was als Spaß beginnt, entwickelt sich schnell weiter: Während eines kurzlebigen Jura-Studiums trifft Jace auf den Produzenten Maru, mit dem er das Tape Komme vorbei aufnimmt. Der Song Ja ok wird zu einem ihrer frühesten und bis heute meistgestreamten Erfolge. In den folgenden Jahren etabliert sich Jace mit unzähligen Trap-lastigen Singles und EPs – mal solo, mal in Kollaboration mit der Flavour Gang, seiner Crew, mit der er nicht nur Musik, sondern auch legendäre Partys veranstaltet. Schauplätze wie das Westwerk in Hamburg werden zu Underground-Hotspots, bei denen Newcomer wie OG Keemo ihre ersten Bühnen betreten und Größen wie Kwam.e und Tom Hengst sich kennenlernen.
Lange Zeit entsteht die Musik von Jace unter der Regie seiner Weggefährten Maru und Skool Boy, gemeinsam als SBM aktiv. Doch 2024 schlägt Jace neue Töne an: Mit dem Produzenten Dexter veröffentlicht er 9 Leben, ein persönliches, samplebasiertes Album, das sich bewusst vom gewohnten Trap-Sound entfernt. Die neue Facette kommt an, bei Fans wie in der Szene. Anfang 2025 folgt das nächste Kapitel, das Tape Das wäre doch nicht nötig gewesen, produziert von Richard Milli, zeigt Jace ruhiger, aber nicht weniger scharfzüngig. Features von Karate Andi, LAAS und OG Keemo unterstreichen die Vielseitigkeit. Im Dezember 2024 startet Jace außerdem das Format Free Game – eine Reihe von Instagram-Freestyles, mit denen er in den USA viral geht. Es folgt ein On the Radar-Freestyle aus New York und schließlich mit dem Free Game Album eine Rückkehr zu seinen Trap-Wurzeln. Jace scheint ein facettenreicher Mann zu sein, der neben einer unglaublichen Dichte an Punchlines auch Persönliches sehr unique und humorvoll verpacken kann. Sehr korrekt also, dass ich ihn nun im Wohlerspark treffen darf, um über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sprechen.
13.06.2025
Es ist ein warmer Freitagabend im Juni, ich warte im großen Kreis in der Mitte des Parks auf Jace. In meinem Rucksack habe ich meine Kameras, meinen Laptop und Bier. Pünktlich pulled Jace in blauem Polo, Truey Jeans und schwarzen Uggs im Park up. In seiner Hand klimpert eine Wolt Tüte, ebenfalls mit ein paar Bier - wir scheinen uns zu verstehen. Jace stellt sich als Jacob vor und wir suchen uns im gut besuchten Park eine ruhige Ecke. Später werden wir noch ins Studio in der Schanze gehen und dort mit Skool Boy & Maru linken und einen Part von dem Musikvideo zu dem Track Catalina Wine Mixer shooten.

Was verbindest Du mit diesem Ort?
Es kommt so rüber, als würde ich hier jeden Tag chillen. Ich bin hier weniger als ich gerne wäre. Ich habe hier nie Stress mitbekommen. Es ist immer ruhig, es sind immer gute Vibes. Jeder minded sein Business und lässt den anderen machen, was er will. Hacky Sack, Slackline auch wenn davon heute nicht so viel am Start ist. Ich habe die letzten sechs Jahre hier in der Nähe gewohnt und darum war das immer mein Lieblingspark auf jeden Fall. Also ich habe jetzt keine tiefgründige Connection hierzu, außer, dass ich es von Anfang an wild fand, dass es gleichzeitig ein Friedhof ist. Ich habe lustige Abende hier gehabt, Videos hier gedreht. Ich erzähle in dem Track Wohlerspark auch von einer Dancehall-Session, die hier vorne direkt bei diesem Kreis war. Dann war es hier einfach full und irgendwer hat Dancehall aufgelegt. Es war richtig geile Stimmung, bis dann die Bullen kamen und dicht gemacht haben. Das war eigentlich mein Lieblingsabend hier.
Du bist schon über eine Dekade dabei. Was treibt dich an?
Bei mir ist das immer so, dass wenn ich Tracks höre und die geil finde, dann will ich das auch machen. Und so war das eigentlich schon immer. Ich höre irgendwas, finde das übel geil und will auch diesen Track machen oder auch dieses Gefühl rüberbringen. Und manchmal ist dieses Feeling zuerst da und ich weiß gar nicht, wie ich das füllen soll mit Inhalt und was das jetzt in meiner Sprache bedeuten würde. Ich glaube, es ist einfach Bock auf Rap.
Hast Du das Bedürfnis deine Zeit zu überdauern?
Ich würde mich darüber freuen, glaube ich. Aber im Endeffekt, kriege ich es eh nicht mit. Darum ist es, glaube ich, auch scheißegal. Dafür muss man wesentlich krasser sein und auch andere Musik machen, damit das deinen Tod überdauert. Dann musst du so Stadien füllen, so Udo Lindenberg mäßig. Den Anspruch habe ich nicht. Ich bin froh, wenn ich das geil finde und wenn mir andere Leute sagen, dass das geil ist, dann freue ich mich noch mehr. Aber eigentlich mache ich es nicht, damit ich in 100 Jahren noch irgendjemandem ein Begriff bin.
Was unterscheidet Jace von Jacob?
Ich bin privat ziemlich zurückhaltend und schüchtern und ich glaube, das ist dann einfach mein Ventil, um Sachen zu sagen oder auszuleben. Das ist ja letztlich auch nur ein Szenario, wenn ich einen Track schreibe. Jace ist dann eine Figur, die das macht, was ich vielleicht im echten Leben auch gerne machen würde.
Meinst Du die Diskrepanz zwischen deiner Erscheinung und deinem Sound ist ein Vor- oder Nachteil?
Das kann ich nicht beurteilen. Manche Leute sind voll überrascht, wenn die mich in echt treffen. Das Feedback habe ich schon öfter bekommen. Manche Leute denken, ich bin voll hyperaktiv oder am rumschreien und sind dann voll gepuzzled, dass ich eigentlich ganz ruhig bin und mein Maul halte. Ich hatte eine lustige Begegnung mit einem Fan letztes Jahr in einer Kneipe. Das Fazit von ihm war, „ich hab es mir irgendwie cooler vorgestellt, dich kennenzulernen“ (lacht). Das ist seitdem ein Running-Gag geworden und ich überlege noch, ob ich einen Track so nenne. Ich glaube, für das Produkt und die Stimmigkeit, ist die Differenz zwischen dem Sound und dem Aussehen vielleicht nicht besonders vorteilhaft. Aber andersherum habe ich auch schon erlebt, dass Leute das ganz angenehm finden, wenn man nicht überall den Rockstar raushängen lässt. Das ist auch anstrengend und ich kann das gar nicht. Ich könnte gar nicht diese Person, ich könnte gar nicht Jace sein. Ich bin halt ich, mache meine Musik in dieser Kunstfigur und ansonsten sehe ich es nicht ein, etwas anderes zu spielen, was ich nicht bin. Ich kann nicht aus meiner Haut und will das auch gar nicht. Und darum bin ich ganz froh, dass das bis heute funktioniert.
Welche ist deine Lieblingsline von dir?
Ich glaube, auf Atlas Schultern habe ich so einen Vierer: Die Hieroglyphen auf den Monolithen Sagen es begann vor langer Zeit mit einem Meteoriten, worauf ein Alien und ein Affe sich unsterblich verliebten. Sie zeugten den Homo Sapiens und zerstörten den Frieden.
Die Line mochte ich. Ich bin gar nicht so ein Verschwörungsdude aber manchmal finde ich das funny, so rumzuschwurbeln, weil das witzige Reaktionen hervorbringt. Ich habe neulich so ein TikTok gemacht, meine Arbeit ist da unten am Hafen am Fischmarkt und da hat gerade so ein riesiges Containerschiff gewendet. Ich hab so mein Handy draufgehalten und war so, „ja Leute, fünfhunderttausend Tonnen Stahl und das schwimmt einfach so im Wasser, i doubt it. Ihr wisst, dass hier irgendwas nicht stimmt.“ Es warcrazy, wie viele Leute dann in die Kommis da reingegangen sind und sich dann über mich lustig gemacht haben, so mäßig „er war Kreide holen in Physik“ und so. Ich fand das eine witzige Dynamik, denn es war so, ok wer verarscht jetzt eigentlich wen? Ich mag das manchmal ein bisschen damit zu spielen.
Dein Humor ist dein Markenzeichen und gleichzeitig wurde es auf den letzten Tapes persönlicher. Wie balancierst Du das?
Ich finde Humor ist ein ganz guter Weg, um Sachen ein bisschen lockerer darzubieten. Ich höre seit Ewigkeiten Deutschrap und ich fand gerade früher Sachen mega anstrengend, wenn Leute von sich selber erzählen und so auf die Tränendrüse drücken. Mittlerweile verstehe ich, dass das auch als Künstler wichtig sein kann, dass man auch ernstere Sachen los wird und das auch eins zu eins formuliert, wie es sich anfühlt. Ich cringe, wenn ich so einen Song schreibe und Humor macht mir das einfacher. Verstecken ist das falsche Wort aber ich finde es selber angenehmer zu hören, wenn das nicht so ein bitterernster Song ist, wo man selber traurig ist, nachdem man das gehört hat. Es wird besser verdaulich, wenn man das humoristisch verpackt. Es ist auch einfach die Art und Weise, wie ich Texte schreibe. Humor ist mein wichtigstes Werkzeug, wenn ich Lyrics mache und deshalb gibt es auch wenig Songs, wo das gar nicht vorkommt.
Hast Du mal überlegt, diesen Humor anders zu präsentieren - zum Beispiel als Comedy?
Ich glaube, dafür bin ich zu wenig Schauspieler. Ich könnte mich nicht ohne Beat auf die Bühne stellen. Nachgedacht habe ich über sowas schon, auf jeden Fall. Es macht mir auch selber Spaß Comedy anzugucken, ich bin auch kein Kenner, aber es entertained mich schon. Ich würde mich aber selber nicht wohlfühlen, dabei zu acten. Ich mag das lieber, wenn ein Beat läuft und ich ganz genau weiß, was ich machen muss. Darum bin ich bei der Musik ganz gut aufgehoben. Die einzige Sache, die ich mir gut vorstellen könnte, wäre schreiben. Aber ich glaube, das müsste ich erst ein paar Jahre machen, bevor ich das jemandem zeige. Ich hatte schon Bekannte, die angefangen haben zu schreiben und dann zeigen die dir das und du musst dann so sagen, „ja man, voll nice! Mach weiter und so.“ Dann muss man so heucheln, obwohl man selber gar nicht so überzeugt ist davon und anderen das nicht schlecht reden will. Darum würde ich es lieber erstmal, wenn ich damit anfangen sollte, mit meinem ganzen Kopf und genug Zeit und genug Training machen, bis das irgendjemand anderes zu lesen bekommt. Das ist ein Projekt für mich, wenn ich alt bin und weiß, dass ich nie wieder einen Track machen werde, dann setze ich mich ran und schreibe was.
Du sagst, im echten Leben fällt es dir schwer Jace zu sein. Wie funktioniert es für dich auf der Bühne?
In dem Moment, wenn ich rappe, dann bin ich ja Jace (lacht). Ich verwandele mich jetzt nicht. Ich weiß, wie ich rappen muss und das reicht dann eigentlich. Ich tue mich schon schwer, zwischen den Songs zu performen und da etwas zu erzählen. Ich habe das neulich mal ausprobiert, dass ich mir vorher überlege, was ich zwischen Songs sagen will und da merke ich schon, dass mich das nicht bockt. Da müsste man dann Comedian sein, zumindest damit ich zufrieden bin. Dann weiß man, der Joke funktioniert und der nicht. Darum versuche ich eigentlich zu freestylen, was ich zwischen Songs sagen will.
Dann bist Du aber auf der Bühne schon der Rockstar, der Du in der Kneipe nicht sein willst?
Ja mäßig. Das ist dann der einzige Ort, wo es von einem erwartet wird und wo ich es machen muss. Da fühle ich mich wohl, das zu machen. Überall anders stehe ich nicht auf der Bühne, da gehört das nicht hin. Das gehört vors Mikrofon, ins Musikvideo und auf die Bühne. Wenn ich in meinem Musikmodus bin, kommt das so und sonst als Privatperson bin ich halt normal.
Wie wichtig ist dir Authentizität?
Das ist eine schwierige Frage und gerade im Hip Hop ist das ja heiß diskutiert. Ich glaube, das muss jeder für sich selber herausfinden. Authentisch ist es, wenn du es deinen Eltern zeigen kannst und dich nicht dafür schämst oder wenn du auch ein Jahr nachdem es draußen ist, noch cool damit bist, was du gesagt hast. Dann ist es meiner Meinung nach authentisch. Es gibt Leute, die ganz offensichtlich scheiße labern, dann finde ich das auch cool aber es gibt Leute, wo man recherchiert und dann merkt, ok das bist nicht du, warum machst du so?! Wenn du versuchst etwas zu verkörpern, was du nicht bist, ist es in meinen Augen unauthentisch.
Du hast im VICE Interview 2017 gesagt, dass es dir wichtig ist, dich selbst nicht so ernst zu nehmen. Hat sich deine Selbstwahrnehmung dir und deiner Arbeit gegenüber in den vergangenen Jahren und mit den letzten Projekten verändert?
Mit dem Dexter Album vor allem, bin ich etwas persönlicher geworden. Aber ich glaube selbst da, ist immer noch Humor mit drin, weil ich das einfach sympathischer finde. Und mir ist das auch angenehmer, so darüber zu reden, als ob das alles nicht schlimm wäre, weil es im Endeffekt auch alles nicht so schlimm ist, finde ich. Zumindest, was ich erlebt habe. Darum gibt es gar keinen Grund, das so krass ernst zu nehmen. Es kann generell nicht schaden, Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Es sei denn es geht um Sachen, wo du Verantwortung für andere Menschen hast, dann sollte man das ernst nehmen. Wenn man überlegt, was wirklich wichtig ist und was nicht oder was du selber in der Hand hast und was nicht, dann muss man vieles eigentlich nicht so ernst nehmen. Und da habe ich leicht reden. Im Privatleben verkopfe ich mich viel zu schnell mit Dingen, die eigentlich scheiß egal sind, dann muss man das bei der Musik nicht auch noch machen. Vielleicht kommt das auch irgendwann im Rest meines Kopfes an.

Was hältst Du von der Industrie? Warum hat Deutscher Rap dich nicht mehr lieb?
Ich habe mich zwischendurch so gefühlt, aber das hat sich wieder beruhigt. Das war ein ganz komischer Knacks. Deutschrap ist ja keine Person. Als ich das geschrieben habe, war ich in einer Phase, wo gerade gar nichts ging und ich lange keine Musik gemacht habe. Normal kriegt das dann keiner mit, wenn was kommt. Wenn man dann von der Denke her, aus der falschen Position kommt und nicht merkt, dass man selber eigentlich derjenige ist, der nichts macht und nicht nach draußen geht - normal kommt dann auch nichts zurück. Und was die Industrie angeht, bin ich zwiegespalten. Ich finde schon viel scheiße, was passiert. Ich finds nicht geil, wenn so Leute, die überhaupt kein Standing haben, direkt gesigned, mit Geld vollgepumpt und aus dem Nichts bekannt werden ohne, dass sie dabei selber eine gute Idee haben - so industry plants mäßig. Ich finde aber trotzdem, dass es vielen Leuten, die echt Potential haben und auch schon selber dafür gehustled haben auf dem Schirm zu sein hilft, auf das nächste Level zu kommen und gut davon leben zu können. Und die Familie davon versorgen zu können, das geht nur mit Industrie, glaube ich. Wenn du alles independent machst, gibt es, glaube ich, irgendwann so eine Grenze, an der du nicht mehr weiter kommst ohne fremdes Geld. Zum Beispiel, wenn du jetzt eine riesen Tour spielen willst oder Videos drehen willst für hunderttausend Euro. Ich kann nicht sagen „Fick die Industrie“, ich habe das oft gesagt, finde ich zu Teilen auch so, aber ohne geht’s halt auch nicht, dann ist das Gleichgewicht weg. Wenn es nur Underground gäbe und sonst nichts, hätte niemand mehr die Chance vernünftig davon zu leben.
Würdest Du bei einem passenden Angebot signen?
Wenn alles stimmt, würde ich auch, glaube ich. Ich weiß aber nicht, ob mein Kopf damit klar kommen würde, wenn das jetzt mein Job wäre. Ich habe ein Jahr, 2020, von einem Vorschuss gelebt und das hat mir nicht gut getan. Ich hab mich dann so doll verkopft, dass die nächsten Sachen, die rauskommen, performen müssen, damit das Geld, was man sich geliehen hat, wieder reinkommt. Und damit es auch weiter geht. Das war für mich zu viel Druck. Deswegen fahre ich jetzt gut damit, dass ich einen Job habe, der meine Miete und mein Essen bezahlt und alles andere, was um Musik passiert, nichts mit meinem Überleben zu tun hat. Diese Trennung ist für mich auf jeden Fall gesund. Die Sachen aus diesem Vorschussjahr liefen auch alle nicht so gut und dementsprechend, war ich dann auch aus dem Vertrag raus. Dann kam Corona, ich war ultra abgefuckt, wir haben die Tour abgesagt. Ich bin dann ein bisschen in so ein Depri-Loch reingerutscht, habe gefühlt für ein Jahr keine Musik gemacht und mir einen Job gesucht. Dann habe ich angefangen zu studieren und geguckt, dass ich eine Basis für mich schaffe, dass ich auch ohne Musik leben kann, wieder. Ich hab gemerkt, dass das für mich nicht gut funktioniert, wenn das meine einzige Aufgabe ist. Ich brauche irgendwas, was ich scheiße finde aber machen muss, damit ich Bock habe Musik zu machen und mich dahin flüchten kann. Dann ist das meine Freizeit und macht mir Spaß.
Wie gerne bespielst Du die Social Media Schiene?
Es ist auf jeden Fall ein Mittel zum Zweck, aber es macht mir auch Spaß. Letztes Jahr habe ich das Album mit Dexter gemacht und nachdem das rauskam, gefühlt nichts mehr für Social Media, weil ich auch studiert habe und meinen Bachelor geschrieben habe. Und als das alles fertig war, hatte ich auch wieder Bock Musik zu machen. Die EP mit Richard lag rum und war eigentlich schon zu der Zeit, wo das Dexter Album rauskam, fertig. Dann hatte ich wieder mega Drive, meine Fresse auch im Internet zu zeigen und zum Beispiel diese Freestyles zu machen. Das hat mir Spaß gemacht, sonst hätte ich das niemals über Monate hinweg einmal die Woche gemacht. Und ich glaube auch, dass es deshalb so gut funktioniert hat, weil ich selber Bock darauf hatte.
War 9 Leben für dich ein Schritt aus deiner Komfortzone oder eher eine logische Entwicklung?
Ich kann nicht sagen, dass sich das zu irgendeinem Moment unangenehm angefühlt hat oder ich Angst hatte, die Songs rauszubringen. Aber ich war schon gespannt, wie die Leute das aufnehmen. Gerade, weil die Sachen davor null persönlich waren, beziehungsweise gar nicht hinter die Fassade haben blicken lassen. Ich fand es interessant, es hat mich bereichert, dass ich das geschrieben und veröffentlicht habe und gesehen habe, Leute finden das sogar noch besser, wenn die dich ein bisschen kennenlernen. Ich habe auch von ein paar Eltern von Kollegen Feedback bekommen, die das gehört haben und meinten, das hat mir richtig gut gefallen und ich verstehe jetzt ein bisschen, was du da machst und was das alles soll. Ich kann nicht sagen, dass ich aus der Komfortzone raus musste, aber es war auf jeden Fall ein guter Schritt und hat mir geholfen, meine Palette zu erweitern.
War es im Prozess ein anderes Schreiben als davor?
Lustigerweise war ich auf Antidepressiva, als ich 9 Leben geschrieben habe. Ich weiß nicht, ob das damit was zu tun hatte. Ich habe schon gemerkt, dass der Effekt davon war, dass ich weniger Angst hatte als davor. Ich glaube, das hat dazu geführt, dass ich mir vielleicht weniger Kopf darum gemacht habe, persönliche Sachen von mir zu erzählen. So könnte ich mir das vorstellen, aber ich weiß nicht, ob ich das nicht auch ohne den Shit geschrieben hätte. Der Weg des Jacek, Gillane und Jeffrey habe ich gepunshed ohne zu schreiben und bei mir zuhause Line für Line recorded. Und Atlantis auch. Diese drei Songs waren fertig, dann ist erstmal eine ganze Weile nichts passiert. Dann im März 23 bin ich nach Stuttgart gefahren und wir haben die Sachen, die bis dahin fertig waren neu recorded. Mohnblumen ist in der Zwischenzeit noch entstanden, den habe ich eigentlich auf einen anderen Beat geschrieben. Also vier Songs waren fertig, bevor ich runter gefahren bin und den Rest haben wir dann vor Ort gemacht, an einem langen Wochenende.

Bist Du gerade in deiner Prime?
Das würde ja heißen, dass es ab jetzt beschissener wird (lacht). Also zahlenmäßig auf jeden Fall. Ich mag eigentlich nicht nur darauf gucken, aber ich habe jetzt kein anderes Messwerkzeug dafür. Aber Streamingtechnisch läuft es besser als jemals zuvor und das ohne groß Industrie dahinter. Es macht mir auch mega Spaß gerade, ich war lange nicht so dedicated. Ich habe das die letzten drei Jahre neben dem Studium gemacht und ab und zu einen Auftritt gehabt. Dadurch, dass wir jetzt so Welle gemacht haben auf Insta, haben sich jetzt wieder Sachen ergeben, wie zum Beispiel Booking oder Vertrieb. Das hätte man vorher schon auch angreifen können aber jetzt ist gerade einfach Momentum da. Und das macht mir selber auch voll Spaß, weil das einem auch Bestätigung gibt, dass man gerade auf einem guten Weg ist. Es ist auf jeden Fall ein neues Highlight gerade.
Wie large soll das alles werden?
Das weiß ich nicht digga (lacht), ich lass mich überraschen. Ich mach so viel ich kann und will und wenn ich merke, dass mir das zu viel wird, muss ich einen Gang zurückschalten und dann ist das auch ok. Wie gesagt, ich fühle mich im Moment super wohl damit, dass das nicht meine Miete bezahlt. Darum würde ich es erstmal so belassen. Wenn ich aber merke, dass die Chance da ist, noch mehr rauszuholen, dann würde ich mir das nochmal überlegen. Aber die Sterne stehen gerade in einer guten Konstellation, so von Work und Life alles.
Hast Du ein Traumfeature?
Kann ich nicht sagen. Bei mir ist es immer so, ich mache Tracks und überlege dann, wer darauf passen könnte. Wenn ich einen guten Tag habe und mich traue zu fragen, dann mache ich das. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Aber es gibt jetzt nicht dieses eine Feature, was ich unbedingt brauche. Obwohl doch – Money Boy wäre der einzige. Das will ich eigentlich, dass das irgendwann mal passiert.
Welche Künstlerinnen ahnst Du momentan am meisten?
Die letzten eins, zwei Monate habe ich wenig Musik gehört. Ich höre viel US Hip Hop - eigentlich nur. Darf man jetzt auch nicht mehr sagen, aber wer mich letztes Jahr sehr abgeholt hat, war Dave Blunts. Leider auch sehr kritisch zu betrachten. Ich finde MIKE sehr nice, aus der Earl Sweatshirt Ecke. Fakemink aus London, der macht krasse Sachen. Von Lazer Dim finde ich manche Sachen ganz geil. Die ganze Detroit Ecke kann ich mir auch immer noch geben. BabyTron, Rio (Da Yung OG) sowieso. Geil, dass er auch wieder aus dem Knast raus ist. Er ist eigentlich der, weshalb ich angefangen habe, mit den Detroit Sachen. Ende 2020 war das, da hatte Lil Yachty so eine Phase, wo er nach Detroit und in die Vororte dort gefahren ist, weil er die Szene dort spannend fand und mit allen da Musik gemacht hat. Dadurch habe ich diese ganze Wave dann mitbekommen. Rio Da Yung OG ist auf jeden Fall der Krasseste aus der Ecke da und es macht mir immer noch Spaß seine Sachen zu hören. Da sind jetzt auch wieder neue Sachen rausgekommen. Gerade als es angefangen hat major zu werden bei ihm, wurde er erstmal für drei Jahre weggesperrt. Aber jetzt ist er wieder draußen. In Deutschland höre ich mir auch viele Sachen an, aber ich pumpe kein Deutschrap eigentlich. Viele machen coole Sachen aber das höre ich jetzt zuhause nicht. Wenn ich bei Social Media irgendwas sehe, mich interessiert das auch, ich feier Sachen auch aber ich finde, dass es nichts gibt, das es nicht auf englisch besser gibt. Darum höre ich dann lieber das Original. Aber ich gucke es mir trotzdem an, weil ich es aus diesem sportlichen Aspekt spannend finde, wie die Leute das dann auf deutsch machen. So in Deutschland selbst, du hattest ja von den Sumpfjungs geschrieben, Dicken45 finde ich auch krass. Wir wollen auch einen Track machen. Ich hab das meinen Jungs gezeigt und die sind richtig abgegangen auf Dicken. Killdummies finde ich auch sehr spannend. Er macht auch einfach seinen eigenen Way und kopiert nicht eins zu eins. Aber sonst fällt mir gerade nicht so viel ein.
Was hat es mit den Einspielern und Skits in deinen Tracks auf sich?
Das ist ja vom Ding her nichts neues, Skits in Songs zu haben. Das habe ich jetzt nicht erfunden. Aber gerade, wenn der Beat so minimal ist, finde ich das ganz erfrischend, wenn ab und zu noch was anderes drin ist. Ich weiß nicht, auf 9 Leben machen die Skits auch noch ein bisschen mehr Sinn. Auf Das wäre doch nicht nötig gewesen sind die teilweise sehr random. Am meisten auf dem Karate Andi Track, mit den Skaterboys. Ich habe überlegt, was man da reinhauen könnte und hab mir ein paar Straßenumfragen angeguckt und fand das irgendwie lustig, wie der Typ da am Ende redet. Hatte jetzt keinen tieferen Sinn. Bei Atlas Schultern, die Frau, die da redet, die spielt so griechische Mythologie nach allein. Und in dem Moment, wo sie spricht, ist sie Atlas, der die Welt auf seinem Rücken trägt und mit Herkules redet. Das ist der Einzige, der eigentlich Kontext hat.
Welche Rolle spielen Fraktale in deinem Leben?
(lacht) Also ich habe echt wenig Erfahrungen mit so Halluzinogenen, ich weiß gar nicht wo das herkam. Mein Dad hatte früher so Bücher von M. C. Escher, der hat so trippy shit in den Fünfzigern, Sechzigern gezeichnet und hatte auch so fraktale Ansätze. Ich war auch immer gut in Mathe und Physik. Mich hat das einfach so geflashed, dass sich so ein Muster immer wieder wiederholt und du immer wieder ranzoomen kannst und es immer gleich aussieht. Mich begeistert das eher auf so einer mathematischen Ebene als jetzt auf einer spirituellen. Aber auch da, wie mit dem Schwurbeln, ich finde es lustig damit zu spielen. Gerade weil man da so viel reininterpretieren kann, aber im Prinzip ist es einfach nur Mathematik, einfach nur eine Formel, die du anpassen kannst. Aber ich habe so Dokus gesehen, ich muss jetzt doch tiefer gehen (lacht). Es ist doch faszinierend, wie sehr man dieses Prinzip in der Natur wiederfindet. Wenn du dir zum Beispiel anguckst, wie Äste von Bäumen sich verzweigen, das ist auch immer der gleiche Winkel. Das Muster ist immer das gleiche. Bei Küstenlinien hat man das auch festgestellt. Die Krümmungen sind immer die gleichen. Das ist eigentlich das Verrückte daran, dass das in der Natur überall drinnen steckt. Es gibt ein paar gute Dokus darüber. Ich glaube, der Typ, der das so embraced hat, hat auch ein bisschen geforscht dazu und herausgefunden, dass man das sogar in Aktienkursen wiederfindet. Bestimmte Muster ziehen sich da unabhängig vom Zeitraum durch. Bei Radiowellen auch. Es ist überall (lacht).
Wie kam die Ästhetik für Das wäre doch nicht nötig gewesen zustande?
Alle Tracks, bis auf Venice, habe ich in einer Woche geschrieben und dann irgendwann viel später recorded. Venice ist als letztes dazugekommen. Und weil wir die anderen Tracks schon gehört hatten, fanden wir, das wäre ein geiles Outro. Als alle Tracks standen, haben wir uns erst um Features gekümmert. Ich hatte Keemo für 9 Leben schon gefragt, da war er aber super busy in der Albumphase und so. Und bei Das wäre doch nicht nötig gewesen hatte ich ein ganz gutes Timing. Der Part kam dann auch zwei Tage nachdem ich gefragt habe auf einmal und war dann eine geile Überraschung. Und eigentlich war das auch so ein bisschen der Kick Off. Der Grund, warum das alles so rauskam, wie es rauskam war, dass ich im November mit Funk Vater Frank telefoniert habe, und gefragt habe, wann ich theoretisch diesen Song releasen könnte. Und er meinte; das muss jetzt schnell gehen und hat mir einen Termin für zwei Wochen später gesagt, wo das rauskommen muss. Danach sind wir raus aus Social Media und machen Album und so, meinte er. Wenn ihr wollt, dass wir da irgendwie Video und Promo mäßig mitmachen, dann muss das jetzt raus. Und dann waren wir so, ja ok aight bet. Wir hatten einfach nichts, ich glaube der Mix war noch nicht mal fertig. Wir hatten uns noch gar nichts überlegt, kein einziges Video oder Cover. Das hat sich dann so Schritt für Schritt entwickelt. Zu dem Zeitpunkt, den er vorgeschlagen hat, hatte ich eh einen Auftritt mit Dexter in Stuttgart und geplant in den Süden zu fahren. Dann haben wir uns den Tag danach mit den Jungs da an einem See getroffen bei Heilbronn. Dann waren wir so; ok wir fahren zu dem See, aber was machen wir da? Ok, lass so tun, als würden wir angeln. Mein Homie hat dann da Equipment geklärt und dann haben wir Anglersession gemacht. Ein Tag später kam der Song. Dann brauchten wir ein Cover und weil es Angeln war, dachte ich, ok dann machen wir was mit einem Fisch so. Und so hat sich das dann eigentlich von selber ergeben. Für die nächsten Singles wussten wir dann auch nicht, was das Artwork sein soll und darum hat sich das mit den Fischen dann so durchgezogen.
Worauf kann man sich bei dir in nächster Zeit freuen?
Ich weiß es selber noch nicht. Ich habe Tracks liegen, aber es ist noch kein stimmiges Projekt im Moment. Ich will erstmal bisschen Ruhe einkehren lassen wieder, jetzt wo Free Game draußen ist, will die Festivals spielen und mich dann wieder paar Tage langweilen, damit ich wieder schreiben kann. Vielleicht geht es gegen Ende des Jahres dann mit Singles weiter. Ich will nicht zu viel versprechen, aber ich habe Bock ein Album zu machen und in welche Richtung das dann geht, ist die Frage. Das muss ich selber noch herausfinden.
