Die Technoszene in Deutschland hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen. Was einst als rebellische Subkultur mit Underground-Charakter begann, hat sich zu einem globalen Phänomen entwickelt, das nicht nur in den Clubs, sondern auch in den Mainstream-Medien und sozialen Netzwerken eine große Rolle spielt. Insbesondere in Städten wie Berlin, Frankfurt und Hamburg hat sich Techno zu einem unverwechselbaren Bestandteil der urbanen Kultur etabliert. Doch gerade weil Techno zunehmend im Mainstream angekommen ist, bleibt die Szene nicht ohne Herausforderungen – insbesondere durch die zunehmende Kommerzialisierung.
In den 1990er Jahren war Techno noch ein rebellisches Phänomen, das in leerstehenden Fabriken und alten Lagerhallen gefeiert wurde. Die Musik war laut, die Stimmung experimentell und die Partys oft improvisiert. Heute sieht die Szene anders aus: Techno ist längst nicht mehr nur ein Nischenprodukt, sondern ein Bestandteil der großen Eventindustrie. Jeder zweite ist heute Hobby-DJ und in den großen Playlists dominiert schneller und harter Sound auch genreübergreifend. Techno-Partys sind zu massiven Festival-Erlebnissen geworden, bei denen immer absurdere Ticketpreise die Regel sind. Die ursprünglich als Gemeinschaftserlebnis gedachte Feierkultur ist durch Sponsoren, Markenkooperationen und ausverkaufte Events einer zunehmenden Kommerzialisierung ausgesetzt. Das spiegelt sich auch in der Clubszene wider. Clubs, die noch vor einigen Jahren als wichtige Anlaufstellen für die Technokultur galten, müssen sich zunehmend den Anforderungen eines wirtschaftlich orientierten Marktes anpassen. Der Eintrittspreis steigt, die Veranstaltungen werden größer und kommerzieller, die Intimität der kleineren Clubs geht verloren. Aber nicht nur das, auch die räumlichen Gegebenheiten verändern sich. In vielen großen Städten, darunter auch Hamburg, verschwinden kleine Clubs und die Orte, an denen die Subkultur einmal aufblühte, weil sie größeren Investoren und Bauträgern weichen müssen. Das Phänomen der Gentrifizierung erfasst zunehmend die Clubszene. Die urbanen Räume, die einst der freien Entfaltung von Künstlerinnen und Musikerinnen dienten, schwinden. Neben Fläche und Räumen für die Veranstaltungen fehlt es auch aus dem Kulturhaushalt des Bundestages an Unterstützung. So findet Clubkultur in den Debatten um Kulturförderung keine verstärkte Berücksichtigung.
Seit dem letzten Jahr gilt die Berliner Technokultur als immaterielles Unesco-Weltkulturerbe. Techno stelle den „gelebten Gegenentwurf zu klassischen Praktiken des Musikhörens“ dar. Doch wie viel ist davon wirklich noch zu spüren?
Während die Technoszene in ihren Anfangsjahren vor allem von alternativen, oft politisch orientierten und subkulturellen Gruppierungen geprägt war, besteht sie heute aus einer breiten Masse an Feiernden. Allen voran TikTok-Raverinnen, als Inbegriff der zunehmenden Kommerzialisierung, stehen häufig in der Kritik. Die junge Generation, die durch TikTok auf Techno aufmerksam wurde, kommt nicht mehr mit dem Verständnis einer Subkultur in die Clubs. Techno ist überall, Fetish-Wear keine Besonderheit mehr und vielen der jungen Raver fehlt jeglicher Bezug zur Herkunft der Kultur, beziehungsweise zu ihrer Ideologie. Eine schnelle Brille ist fix besorgt, Toleranz und Verständnis aber nicht mit Geld zu kaufen. Auch junge Menschen aus anderen sozialen Milieus haben den Weg in die Technoclubs gefunden. Doch das führt zu einer Veränderung in der Art und Weise, wie der Safespace in Techno-Clubs wahrgenommen wird. Viele Clubs der ersten Generation waren Rückzugsorte für marginalisierte Gruppen wie queere Menschen, Menschen aus verschiedenen Ethnien und politisch alternativen Kreisen. Sie boten einen Raum, in dem alle ihre Identität ohne Angst vor Diskriminierung ausleben konnten. Diese Werte sind nach wie vor ein zentraler Teil der Technoszene, doch mit dem zunehmenden Mainstream-Einzug der Musik und der Clubs ist die Frage, wie offen und inklusiv diese Räume noch sind, immer wichtiger geworden. Für viele marginalisierte Gruppen ist es noch immer essenziell, dass Techno auch in Zukunft ein Raum bleibt, in dem Gleichberechtigung und Vielfalt gefeiert werden. Doch die Gentrifizierung und Kommerzialisierung der Szene führen dazu, dass nicht mehr jeder den Zugang zu den großen und gefeierten Clubs hat. Die steigenden Eintrittspreise und die zunehmend elitären Events tragen dazu bei, dass Techno ein exklusives Erlebnis wird, das sich nicht mehr jeder leisten kann. Die ursprüngliche Freiheit, die diese Szene auszeichnete, ist zunehmend einem Konsumverhalten gewichen, das auch das Miteinander und die Werte der Szene verändert.
Die Technoszene in Deutschland und besonders in Städten wie Hamburg ist also in einem spannenden, aber auch ambivalenten Entwicklungsprozess. Die Subkultur hat den Mainstream erreicht und gleichzeitig werden die Orte, an denen sie einst lebendig war, durch Gentrifizierung und subkulturelle Verdrängung geschlossen. Die Musik, das Publikum und die Werte haben sich verändert. Und während Techno weiterhin einen wichtigen kulturellen Einfluss ausübt, stellt sich die Frage, wie die Szene ihre Wurzeln bewahren kann, ohne ihre Ursprünge zu verlieren. In einer Zeit, in der digitale Netzwerke und soziale Medien die Szene ebenso prägen wie die Clubs und Events, bleibt abzuwarten, wie Techno die Balance zwischen Subkultur und Mainstream halten kann – und ob er auch in Zukunft ein sicherer Raum für alle bleibt.
Um diesen Fragen etwas auf den Grund zu gehen und ein paar Einblicke hinter die Kulissen zu bekommen, habe ich mich mit Carluschka zusammen getan. Carluschka ist eine DJ aus Hamburg, die nicht nur durch ihre Sets auf Kanälen wie HÖR Berlin, sondern für mich vorallem durch ihr Engagement für die lokale Szene und Gleichberechtigung in dieser aufgefallen ist. Neben dem Auflegen studiert sie Journalismus und hat bereits eine Zine über Klub, Kultur und Politik unter dem Namen "Soft Power" veröffentlicht, das Themen, wie beispielsweise das Clubsterben behandelt. Darüber hinaus hat sie eigeninitiativ den FLINTA* Roundtable gegründet, der sich für FLINTA* Personen in und um die Szene einsetzt.

03.04.2025 – Hamburg
Vielen Dank, dass Du dir die Zeit nimmst! Erzähl gerne erstmal ein wenig über deine Person, deinen Weg zur Musik und deinen Sound.
Ich habe mit 18 angefangen zu spielen. Jetzt bin ich 21. Das heißt, ich bin noch nicht so lange dabei. Ich glaube, der Bezug zur Szene wurde mir aber schon relativ früh in die Wiege gelegt. Meine Mutter ist so Aushängeschild von „Freespirit“ aus den Neunzigern, sie hat so alles mitgenommen was geht und auch noch eine sehr interessante Zeit von Techno erlebt. Deswegen hat elektronische Musik mich mein ganzes Leben begleitet. Wenn meine Mutter oder mein Vater Mucke angemacht haben, dann war es mostly elektronische Musik, die ich anfangs auch gar nicht so richtig verstanden oder gemocht habe. Als Kind konnte ich wenig anfangen mit den repetitiven Mustern. Aber irgendwann habe ich dann auch Gefallen daran gefunden, weil ich sehr familiäre Gefühle zu dieser Musik aufgebaut habe und dadurch eine Faszination entstanden ist. Meine Mutter hat mich damals auch mit 13-14 Jahren auf die ersten Festivals mitgenommen. Ich konnte also relativ früh Erfahrungen sammeln. Als ich dann älter wurde und Partys cool wurden, wollte ich das selber mal ausprobieren. Dann habe ich mir einen kleinen Controller gewünscht und mich in meiner ersten Wohnung eingesperrt und versucht, auflegen zu lernen. Und ich denke, gerade der Sound aus den Neunzigern zeichnet mich auch irgendwie aus. Das habe ich mitgenommen. Ich liebe diesen progressiven „Pilzsound“. Der klingt so, als würdest du 96` auf dem Trance-Floor von der Fusion stehen. Mein Sound ist melodisch und auch gar nicht mehr so schnell. Ich finde mich immer in der Range zwischen 130 und 142bpm wieder, mit verspielten Acid und Prog Elementen und langen Tracks. Ich liebe lang produzierte Tracks, so, dass man den Tracks auch Zeit gibt sich zu entfalten und dass vielleicht auch mal zehn Minuten nicht so viel passiert.
Wie nimmst Du die Entwicklung der Technoszene in den letzten Jahren speziell in Hamburg wahr?
Das ist so eine riesige Frage. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Also, was ich voranstellen sollte, ist dass ich natürlich nur ein relativ kleines Zeitfenster betrachten durfte, dadurch, dass ich noch so jung bin. Ich glaube, das Erste, was mir aufgefallen ist, gerade in Bezug auf das Feiern gehen mit meiner Mum ist, dass viele der Clubs von damals einfach nicht mehr existieren. Das Clubsterben ist auf jeden Fall ein realer Faktor. Was sonst noch auffällt ist, dass es einfach einen anderen Approach an die Szene gibt, als vielleicht noch vor ein paar Jahren. Ich glaube, dass Partys im größeren Stil auf jeden Fall mit einer anderen Intention veranstaltet werden. Wenn man schaut, was die Intention eigentlich mal war, zum Beispiel einen Ort für Subkultur, Emanzipation und Saferspaces zu schaffen - sowas ist ein bisschen aus dem Blickwinkel von neueren Veranstaltern geraten. Da ist die Kommerzialisierung dann natürlich ein Thema und vielleicht auch die verlorengegangenen Werte, wofür eine Subkultur steht oder mal stand, was dann auch die Clubkultur in Hamburg prägt.
Ich sehe aber auch viele Initiativen, die genau das sehen und sich dafür auch einsetzen. Ich spreche zum Beispiel über den Demo-Rave aber auch über ganz viele Kollektive, die genau diese marginalisierten Gruppen, für die dieser Raum eigentlich erschaffen wurde, wieder in den Fokus rücken. Und dass man sich diesen Raum dann ein Stück weit zurückerobern will. Nichtsdestotrotz müssen sich diese Initiativen, durch die zunehmende Kommerzialisierung, auch dem Druck anpassen. Dann ist es schwierig, da standhaft zu bleiben und seine Ideale durchzusetzen, weil es einfach finanziell schwer möglich ist. Clubs und Veranstalterinnen sehen das teilweise natürlich auch, passen sich dem ein wenig an und buchen dann vielleicht FLINTA* Acts, was aber überhaupt nicht tiefgründig ist und man sich gar nicht mit den Werten und Ideen auseinandersetzt. Ein FLINTA* Booking hat nichts damit zu tun, dass du eine Cis-Frau ans Opening klatscht, um dir ein guten Namen zu machen oder weil du es halt musst. Sowas wie Queerwashing gibts auch in der Szene. Auch BIPoC (Black People and People of Colour) Personen zu buchen, ist immer noch super unterrepräsentiert. Für mich ist es nicht systemkritisch genug. Es sind gerade meistens männliche Veranstalter, die sich in dieser Machtposition gegenseitig bestärken und dann untereinander viel hin und her schieben. Diese Strukturen gehören aufgebrochen. Es ist teilweise wirklich mehr Schein als Sein. Leute brüsten sich damit, ein diverses Booking zu haben aber ein diverses Booking ist mehr, als eine Frau im Line-Up zu haben, die du dann vielleicht sogar noch unterbezahlst. Da sollte man sich erstmal mit dem Ursprung der Szene auseinandersetzen.
Wie hat sich das Publikum verändert?
Klar habe ich auch da wieder nur ein kurzes Zeitfenster zu betrachten, aber trotzdem bemerke ich, dass ich teilweise relativ ungeduldiges Publikum habe. Auf so größeren Kommerzveranstaltungen habe ich genau diese Erfahrungen gemacht. Wie gesagt, ich liebs meine Prog-Platten aus 2004 aufzulegen, die vielleicht acht Minuten dauern aber die Leute haben über
haupt keine Patience mehr dafür. Ich habe das Gefühl, die Leute wollen immer mehr - schneller, lauter, schnellere Übergänge, höhere Bpm, Vocals die sie kennen. Teilweise auch ein bisschen dreist, wenn Menschen dann dein Set kommentieren und sagen, „spiel mal schneller“ oder „spiel mal den Track“. Das Phänomen der kurzen Reel Aufmerksamkeitsspanne kommt da dann auch zu tragen, bloß keine Pause und nicht so lang. Mit Breakbeats kommen auch immer weniger Leute klar, aus meiner Erfahrung.
Ich sehe aber auch, dass das eher ein Phänomen bei größeren, neueren Social Media Veranstaltungen ist. Es gibt auch viele Orte, da holt das die Leute auch wieder sehr ab, lange Tracks langsam und verspielt zu spielen und was zu spielen, was man eventuell noch nicht kennt. Das erzeugt auf größeren Veranstaltungen natürlich auch Druck, wenn die Leute sich gar nicht auf etwas einlassen wollen und eine klare Erwartungshaltung haben. Deswegen spiele ich aber einfach in den Clubs, wo es passt.
Hast Du da Beispiele für Clubs?
Mein absoluter Lieblingssclub in Hamburg ist der Golden Pudel Club. Da bin ich auch mehr als geehrt, dass ich da jetzt eine All Night Long Series unter dem Namen „2 Girls 1 Club“ starten darf. Wie gesagt, ich bin auch ein großer Fan von langen Sets. Sets werden irgendwie gerade immer kürzer. Gerade in Bezug auf “Storytelling”, ich meine, man muss nicht immer eine Geschichte erzählen mit dem eigenen Set aber ich mag das sehr gerne, die Leute auf eine kleine Reise in mein Gernrepaket zu nehmen. Ich bin auch noch Fan vom Südpol, der aktuell leider auch finanzielle Probleme hat. Das Gängeviertel macht auch coole Veranstaltungen. Und die Stubnitz natürlich, wo wir uns kennengelernt haben. Das sind wohl so meine Go-To Clubs.

Ist Techno für dich noch Subkultur?
Per Definition ist Subkultur die Abgrenzung vom Mainstream, mit eigenen Werten, Normen und Haltung zu bestimmten Themen, was sich dann zum Beispiel in Kleidung ausdrücken kann. Ich glaube die komplette Szene ist so weit in den Mainstream gerutscht, dass man da differenzieren muss. Viele tolle Clubs und Veranstaltungen versuchen diese Subkultur am Leben zu halten. Aber Veranstalterinnen mit kommerziellen Interessen spielen jetzt natürlich in diesem Game mit. Die geteilten Werte und Normen gehen durch die Aneignung des Mainstreams verloren. Der Mainstream hat eben selten was mit marginalisierten Gruppen zu tun. Die Geschichte und der Ursprung, gerät da aus den Augen der Leute. Da hat sich ein Stück weit eine Ästhetik entwickelt, die wenig mit freier Entfaltung und Schutzräumen zu tun hat, sondern mehr mit einer gewissen Mode, die auf Social Media vermittelt wird. Social Media und Clubkultur, beziehungsweise Social Media und Subkultur stehen für mich ganz klar im Widerspruch. Das kann natürlich immer auch eine Plattform sein, um Awareness zu verbreiten, aber das ist es einfach viel zu selten. Viel mehr gehen dadurch Schutzräume verloren und es wird ein klares Bild der Technoszene projiziert, die so eigentlich gar nicht ihren Ursprung hat. Ich glaube einfach, dass das Sub der Kultur an vielen Stellen verloren gegangen ist.
Nimmst Du die zunehmende Kommerzialisierung und die Bewegung in den Mainstream ambivalent wahr? Als Künstlerin und Veranstalterin bietet das ja durchaus Vorteile.
Dann muss man sich halt hinterfragen, für welchen Teil der Kultur es Vorteile bietet. Ich glaube nicht, dass es Vorteile für die Künstlerinnen und Veranstalterinnen bereithält, die die Subkultur zu erhalten versuchen. Auch die müssen sich diesem Druck jetzt anpassen, weil die Clubs nicht mehr voll werden durch ein Line-Up, das vielleicht aus Künstlerinnen, die sich lokal viel für die Szene einsetzen oder Künstlerinnen, die keine große Social Media Präsenz haben, kuratiert wurde. Es wird gemessen an Followerschaft, und dann sind es halt in der Regel die Künstlerinnen, die sich dem Mainstream hingeben oder Veranstalterinnen, die große Lagerhallen voll machen mit großen Namen. Da bin ich A kein Fan von und B, macht es das dann den Institutionen viel schwerer am Leben zu bleiben, die eigentlich für die Subkultur da sind.
Hat sich dein Sound durch Videoformate wie HÖR verändert?
Ich glaube nicht. Es hat sich in dem Sinne verändert, dass ich bei meinem ersten HÖR Set ein bisschen Suff war, weil ich aufgeregt war, dass mir so viele Leute zuschauen, sodass ich vielleicht nicht so clean gespielt habe (lacht). Aber rein soundtechnisch hat sich nichts verändert. Ich glaube, was das Wichtigste für einen Künstler oder eine Künstlerin ist, ist authentisch zu bleiben und sich nicht dem hinzugeben, eine breite Masse bedienen zu wollen. Vielleicht macht mein Sound keine Lagerhallen voll, aber dafür ist das authentisch und dann spiele ich lieber in kleineren Clubs.
Meinst Du, es ist heutzutage als Künstlerin möglich, ganz ohne Social Media stattzufinden?
Das ist cool, dass du die Frage stellst, weil ich beim FLINTA* Roundtable auf Sicnal auch eine sehr inspirierende Person für mich zu Gast hatte - DJ Fako, Shoutout! Die hat actually gar kein Instagram. Ihre Dates werden über das Instagram ihres Kollektivs gepostet. Ich selber komme da auch immer wieder in einen Konflikt, weil ich überhaupt kein Social Media Mensch bin, beziehungsweise ich mich da super schnell von aufsaugen lasse und es mir überhaupt nicht gut tut. Wenn ich könnte, würde ich es gerne löschen aber Künstlerinnen sind leider abhängig von dieser Plattform. Es ist so schade. Ich habe für mich selber auch noch keinen anderen Weg gefunden. Ich glaube, um eine eigene Website oder so zu haben, muss man vorher schon eine bestimmte Reichweite haben. Leute wollen was sehen, Leute wollen Gesichter sehen und um in der Szene zu überleben, musst du auch im Gespräch bleiben. Ich bin mega schlecht darin (lacht). Wenn man mal schaut, wer die großen Gesichter sind in der Musikindustrie, sind da auch ganz viele Leute bei, die diesen Schritt nur geschafft haben, weil sie angefangen haben, TikTok Reels zu drehen, sich dort zu präsentieren. Und da muss man sich halt fragen, ob der künstlerische Aspekt da in den Hintergrund gerät.
Wie siehst Du denn den Einfluss von Social Media, speziell Tiktok, auf die Werte, Kleidung und Ideologie von Techno?
Massivst. Das muss man aber auch differenzieren. Die Menschen, die um mich herum sind, nutzen die Plattformen schon auch, um auf politische Themen aufmerksam zu machen. Vielleicht bin ich nicht in dem richtigen Algorithmus oder so, aber wenn ich auf Social Media etwas über die Technoszene sehe, dann ist es gerade schon viel schwarze Kleidung, Kettenhemden, schnelle, laute Musik und das ist für mich einfach nicht die Technowelt. Klar, ein Teil davon schon und es hat auch alles seine Berechtigung aber ich glaube, dadurch ist eine bestimmte Ästhetik in den Mainstream geraten, die man auch mal kritisch hinterfragen sollte. Wenn Techno gerade so cool ist, warum packt man dann nicht auch die Werte und Normen, aus denen alles entstanden ist auf Social Media und verpackt das als Teil davon. Viele junge Partygängerinnen setzen sich leider gar nicht mehr damit auseinander und es gerät in Vergessenheit. Ich blame die Konsumentinnen da gar nicht – don´t hate the player, hate the game. Ich sehe da eher die Creatorinnen in der Verantwortung. Was für mich zuletzt ein sehr inspirierender Beitrag dazu war, war ein Video von Caiva (@caiva.music). Die hat ein ganz nices Video gemacht in diesem Fit-Check Format, wo sie Awareness dafür schafft, wie wenige Produzentinnen und welche patriarchalen Strukturen sich auch in der Musikindustrie wiederfinden. Ich finde, so welche Formate sollten mehr Aufmerksamkeit bekommen und auch von mehr nicht-marginalisierten Gruppen produziert werden.
Was hältst Du von Artists wie zum Beispiel Ski Aggu, die diese Social Media Schiene sehr stark bespielen und auch ein Stück weit Aushängeschild der neueren Generation sind?
Ich muss sagen, den einzigen Bezug, den ich zu Ski Aggu habe ist, dass wir mal eine Veranstaltung nach seinem Konzert im Bunker hatten und der Backstage komplett gefickt war (lacht). Aber auch da wieder der Schluss - don´t hate the player, hate the game. Ob ich meine ideellen Werte so über den Haufen werfen würde, weiß ich nicht. Aber ich kann Leute nicht dafür verurteilen, dass sie mit aktuell populärer Musik ihr Geld verdienen. Man könnte die Reichweite vielleicht noch anders benutzen und aktiv die Werte selber setzen. Und ich kann es dem Publikum von solchen Künstlerinnen auch nicht übel nehmen, wenn denen die Werte oder Ideale dieser Musik nicht erzählt werden.
Was würdest Du dir wünschen, um etwas zu ändern?
Unterstützt lokale Clubs, unterstützt lokale Künstlerinnen, die sich vielleicht stark machen für Subkultur. Und ein Appell an Clubs und Veranstaltertinnen: setzt euch mit der Historie der Clubkultur auseinander und seid nicht ignorant, nur weil ihr nicht zu marginalisierten Randgruppen gehört. Es ist zu einfach wegzugucken.

Sind größere Clubs für dich immer noch ein Saferspace und ein Raum für freie Entfaltung?
Viele Clubs werben auf jeden Fall damit. Mittlerweile begebe ich mich eigentlich nur noch in Clubs, wo ich mich wohl fühle und wo ich weiß, dass das Awareness-Konzept mehr als nur ein Zettel an der Wand ist. Aber klar, dadurch, dass ich auch von verschiedenen Clubs gebucht werde, ist mir schon aufgefallen, dass da an vielen Stellen Reformationsbedarf herrscht. Zum einen durch die fehlende Auseinandersetzung des Publikums, aber auch von Seiten der Veranstalterinnen. Ich sehe da beide Seiten in der Verantwortung. Diese Saferspaces müssen aktiv geschaffen werden und das bleibt meistens an selbstbetroffenen Personen hängen. Das sollte aber eigentlich ein gesamtgesellschaftliches Ding sein.
Werden persönliche Grenzen, in einem immer breiteren Publikum, das in Teilen nicht mit der Energie und Idee der Musik vertraut ist, häufiger überschritten als das vielleicht noch vor ein paar Jahren der Fall war?
Es ist schwierig das zu sagen, auch durch die kurze Zeit, die ich erst dabei bin. Ich glaube aber schon, dass sich Clubs der Verantwortung bewusst sind. Aber dass es denen auch zu anstrengend ist, da tiefgründig etwas zu ändern, weil das bedeuten würde, dass man eigene Strukturen und Machtsysteme hinterfragt. Das ist natürlich unangenehm und unbequem. Ob das proportional mehr geworden ist, weiß ich nicht. Was ich gut finde ist, dass es auch mehr von kommerziellen Veranstaltungen in Augenschein genommen wird. Ob es sich dabei jedoch um eine wirklich tiefgehende Auseinandersetzung handelt – im Sinne einer strukturellen Reflexion und Bearbeitung – würde ich at least in Frage stellen.
Du setzt dich sehr aktiv für viele der behandelten Dinge ein. Stell gerne mal kurz den bereits angeschnittenen FLINTA* Roundtable vor. Wie kam es dazu? Was ist die Vision?
Der FLINTA* Roundtable wurde im Herbst letzten Jahres ins Leben gerufen – also noch recht frisch. Die Initiative ist im Grunde aus einer persönlichen Frustration heraus entstanden. Ich habe angefangen, mein eigenes Dasein in der Technoszene zu hinterfragen. Jedes Wochenende aufzulegen und zu feiern hat sich irgendwann einfach nicht mehr erfüllend angefühlt – es hat mir an Tiefe gefehlt. Klar, es ist ein großes Privileg, überhaupt Musik spielen und sich darüber ausdrücken zu dürfen. Aber gleichzeitig konnte ich mir die Sinnfrage dahinter nicht mehr so richtig beantworten. Dieser innere Konflikt hat mich ziemlich beschäftigt, und ich habe ihn auch mit meinem Partner geteilt. Er hat mich dann ermutigt, diesen Gefühlen nachzugehen. Als FLINTA*-Person in der Szene habe ich viele frustrierende Erfahrungen gemacht, aber ich hatte keinen Raum, in dem ich darüber wirklich sprechen konnte. Mein Partner konnte das als Cis-Mann zwar anhören, aber nicht nachempfinden und er war es tatsächlich, der mich dazu bestärkt hat den FLINTA* Roundtable ins Leben zu rufen.
Der FLINTA Roundtable ist ein Austauschraum, ein Community-Ort, ein Lernspace für FLINTA* Personen in der Musikindustrie – aber eben auch für Leute, die einfach gerne clubben gehen und sich mit der Szene verbunden fühlen. Es ist ein offenes Format, für alle, die sich da irgendwie zugehörig fühlen.
Ich hab das einfach mal initiiert. Bin in die Locke gegangen – das ist eine Bar über'm Pudel, ein Kulturort, den ich sehr feier. Lu (@onlylu154) macht den Laden, auch als DJ aktiv, und ich hab sie gefragt, ob sie mir den Raum geben würde. Und sie hat nicht nur ja gesagt, sondern meinte direkt: Lass uns das zusammen machen. Sie hat mir da echt die Hand gereicht – als Veranstalterin mit Erfahrung. Das war voll wichtig. Dann haben wir das erste Treffen gemacht – total offen. Und daraus sind viele gute Sachen entstanden. Seitdem treffen wir uns einmal im Monat, mit wechselnden Themen. Mal ist es einfach ein Stammtisch, mal gibt’s konkrete Aufgaben. Ein Beispiel: Wir haben gemeinsam einen FLINTA*-Rider formuliert. Also eine Art Mindeststandard, was Veranstaltungsbedingungen angeht – z. B. eine FLINTA*-Ansprechperson vor Ort, Rückzugsräume, Awareness. Dinge, die männlich gelesene Booker oft gar nicht auf dem Schirm haben. Ein anderes Projekt war ein offener Brief – geschrieben aus der Perspektive von FLINTA*-Personen aus der Szene: DJs, Produzentinnen, Veranstalterinnen, Tontechnikerinnen. Weil es wichtig ist, dass wir selbst sprechen und nicht immer andere für uns.
Der Roundtable ist aber auch ein Ort für Austausch über Selbstständigkeit, Finanzen, Gagenverhandlungen. Einfach alles, worin man oft allein rumdümpelt, weil die Strukturen der Szene so krass männlich geprägt sind. Wir machen Workshops – zu Auflegen, Producing, Vinyl. Weil Zugang fehlt. Weil viele FLINTA*-Personen schlechte Erfahrungen gemacht haben. Weil man sich in diesen Räumen oft nicht willkommen fühlt. Und mit dem Roundtable haben wir Personen um uns, die einen verstehen und das gleiche erfahren - man fühlt sich gesehen und verstanden, das ist ein großer Punkt, der mich motiviert, das weiter zu machen. Und natürlich auch die Erfolge die daraus entstehen. Zum Beispiel FLINTA* Personen, die sich dadurch trauen bei HÖR Berlin zu bewerben und dort einen Slot zu bekommen oder den ersten Club Gig spielen. Der Fakt, eine eigene Community im Rücken zu haben, ein Netzwerk, dass hinter einem steht, ist schon ein sehr empowernder Moment, für viele von uns.

Sehr cool! Welche Artists aus Hamburg sollte man, neben dir, noch auf dem Schirm haben? Möchtest Du Shoutouts geben?
Ja! Ich finde, wer sich viel für die Szene einsetzt, ist Margo (house.of.margo). Sie ist eine sehr inspirierende Person für mich, die viel macht und geilen House spielt. Dann würde ich gerne Maya (@keos.is.keos) und Fina (@finona.rider) shoutouten, die einen wundervollen Producing Workshop mit dem Roundtable gemacht haben und selbst Teil sind. Dann würde ich gerne das DJ-Duo Susi und Paula (@djsusipaula) shoutouten, ein Paar aus Hamburg, die als Duo Techhouse produzieren. Separat produzieren beide auch noch. Sunshinespice hat gerade den ersten Release fertig gemacht. Ansonsten noch DJ Hellfire (@djhellfire), die viel mit ihrer Fam vom DemoRave macht. Sie macht auch coole Mucke und der Shoutout gilt auch nicht nur ihr, sondern ihrer ganzen Crew.
Was steht bei dir dieses Jahr noch an? Auf was kann man sich freuen?
Also, erstmal das All Night Long im Pudel am 08.05 am Hafengeburtstagswochenende. Ich liebe den Hafengeburtstag. Viele finden es assig, ich find´s toll. Ansonsten startet das Projekt Schwesta2Schwesta, das ist ein DJ-Duo-Projekt mit Mathilda (@diemathilda). Wir sind nächsten Monat bei HÖR und mit ihr spiele ich auch das erste 2 Girls 1 Club. Ich freue mich auf die Festivalsaison und den Sommer. Ich glaube, meine Mucke ist auch prädestiniert dafür, dadurch dass ich sehr melodisch und so Feel-Good Mucke spiele, tagsüber und unter Sonnenschein stattzufinden. Was auch mega nice war, war dass ich vor zwei Wochen im Südpol den Draußen-Floor eröffnen durfte. Ich wusste das vorher nicht und dann war das eine coole Überraschung. Das war bisher mein Highlight dieses Jahr. Ansonsten freu ich mich auch besonders auf den 03.05., wo ich mit wigs (@wigsssss_), einem Produzenten aus London, spiele, von dem ich sehr sehr großer Fan bin.
Das klingt sehr sehr cool. Ich freue mich. Vielen lieben Dank für das Interview.